Der Regio CITADIS

von ALSTOM LHB

für die RegioTram Nordhessen

Roll-out des ersten Regio CITADIS für die RegioTram Nordhessen am 06.07.2004 bei ALSTOM LHB in Salzgitter.

Foto: ALSTOM LHB

Erster Triebwagen für die RegioTram vorgestellt

Am 06.07.2004 wurde ein wichtiger Meilenstein zur Verwirklichung der RegioTram Nordhessen erreicht. Der erste Zweistrom-Triebwagen für die RegioTram wurde den an diesem Projekt beteiligten Entscheidungsträgern aus Verkehrsunternehmen, Politik, Verwaltung und Wirtschaft präsentiert. Unter Trommelwirbel rollte der Tw 701 durch künstlichen Nebel aus der Inspektionshalle des Testgleises der Firma ALSTOM LHB in Salzgitter. Anschließend gab Dr. Udo Schlitzberger, Aufsichtsratsvorsitzender des Nordhessischen VerkehrsVerbundes (NVV) und Landrat des Landkreises Kassel, die Fahrt frei für die offizielle Premierenfahrt auf der ALSTOM-Teststrecke.

Die Wagennummer des 1. RegioTram-Triebwagens. Die 700er-Nummern waren bei der KVG früher den Arbeitstriebwagen vorbehalten.

Dieses markante und formschöne "Gesicht" wird in Zukunft den ÖPNV rund um Kassel prägen. Auf der Front liegt kein Schatten, sondern links von der "Bügelfalte" ist der Wagen grau und rechts weiß lackiert. Der ehemalige KVG-Fahrer Peter Knigge erhält gerade Instruktionen, um selbst eine Probefahrt durchführen zu können.

Die RegioTram-Fahrzeuge stammen aus der Regionalstadtbahnfamilie Regio CITADIS von ALSTOM, deren Konstruktion die hohen Ansprüche sowohl an Straßenbahnen als auch an Eisenbahnen kombiniert. Sie müssen den strengen normativen Anforderungen beider Schienennetze - EBO und BOStrab - gerecht werden. Die RegioTram vereint die Vorteile beider Systeme und wird den Fahrgästen einen sehr hohen Komfort bieten: Neben dem vollklimatisierten Fahrgastraum und dem modernen Heizungssystem, dem niederflurigen Einstieg und Boden, den Schiebetritten an jeder Fahrgasttür, einem geräumigen Mehrzweckbereich und Gepäckablagen finden die Reisenden im Mittelteil einen beruhigten Sitzbereich mit großem Sitzkomfort für die längeren regionalen Fahrten vor. Die doppelverglasten Fenster tragen zur Ruhe im schallgedämpften Innenraum bei.

Die ALSTOM-Teststrecke bietet gut Möglichkeiten, das Fahrzeug zu fotografieren.

Die Regio CITADIS-Familie bietet auf Basis einer flexiblen Grundkonstruktion eine breite Palette von Design- und Ausstattungsmöglichkeiten je nach Wunsch und Einsatz, um das Fahrzeug individuell den jeweiligen Erfordernissen anzupassen: Das Kopfdesign kann ebenso wie die Türanordnung verändert werden. Je nach Streckenführung kann ein Einrichtungs- oder Zweirichtungswagen gewählt werden. Der Regio CITADIS kann als reine Straßenbahn ebenso verwendet werden wie als Regionalstadtbahn: als Zweisystem-Fahrzeug, als Hybrid-Fahrzeug oder mit Unterstützung zukünftiger Energieträger wie Schwungradspeicher oder Brennstoffzelle.

Kritiker der RegioTram wollten keine Eisenbahn in der Kasseler Fußgängerzone Königsstraße. Angesichts dieses eleganten und formschönen Fahrzeugs dürften ihnen die Argumente genommen sein. Durch die sich verjüngende Front macht sich die 2,65 m Breite des neuen Fahrzeuges gegenüber den 2,40 m breiten Kasseler Straßenbahnen optisch nicht bemerkbar.

Mit der Bestellung der Fahrzeuge bei ALSTOM hatte der NVV die Regionalbahn Kassel (RBK) beauftragt. Die RBK ist zunächst Besitzer der RegioTram-Triebwagen. Nach Ausschreibung des Betriebes werden die Fahrzeuge an den zukünftigen Betreiber der RegioTram ausgeliehen.

Die Front des Regio CITADIS ist aus GFK gefertigt und an den Wagenkasten angeschraubt. Bei einem größeren Unfallschaden kann sie leicht ausgetauscht werden, da die Verkabelung mit Streckern verbunden ist.

Die ersten RegioTram-Triebwagen werden zunächst umfangreichen Testfahrten und Zulassungsverfahren unterzogen, bevor sie im Dezember 2004 in den Fahrgasteinsatz auf der Strecke Kassel-Hofgeismar-Warburg kommen, um die von der Saarbahn angemieteten Fahrzeuge wieder zurückgeben zu können. Der Einsatz auf den Strecken Kassel-Wolfhagen und Kassel-Melsungen wird voraussichtlich zum Fahrplanwechsel 2006/2007 erfolgen.

Das Mittelteil des RegioTram-Tw 701 trägt auf einer Seite das Logo des Nordhessischen VerkehrsVerbundes. Außerdem sollen die Wagen als Zeichen der Verbundenheit mit der nordhessischen Heimat Namen von Märchen der Brüder Grimm erhalten. Tw 701 trägt den Namen "Hans im Glück", was keine Anspielung auf den Bundesfinanzminister Hans Eichel sein soll, der aus Kassel stammt und dort lange Jahre Oberbürgermeister war.

Der Stemann-Stromabnehmer weist einen größeren Abstand der Schleifleisten auf, als man das bisher von den Kasseler Straßenbahnen gewöhnt ist.

Eine Neuheit sind die ersten Hybrid-Stadtbahnen auf Normalspurgleis, die voraussichtlich Ende 2005 zum Einsatz kommen werden. Sie fahren in der Stadt unter der Fahrleitung der Straßenbahn mit 600 V Gleichstrom; auf der nicht elektrifizierten Eisenbahnstrecke Obervellmar - Wolfhagen wird unter Nutzung des integrierten Dieselantriebs ein vollwertiger Betrieb ohne Einschränkungen durchgeführt werden.

Die Front des RegioTram-Triebwagens ist funktionell, modern aber nicht futuristisch.

Am 07.07.2004 wurde das Roll-out für Fachjournalisten wiederholt. Hierbei bestand ausreichend Möglichkeit, das Fahrzeug einem ersten Test zu unterziehen. Zunächst fällt das moderne Design des Fahrzeuges auf. Der Wagenkasten, ein Stahlaufbau, ist weiß und hellgrau lackiert. Er wirkt dadurch zeitlos elegant und leicht. Der Mittelwagen trägt auf einer Seite das Logo des NVV. Die Breite von 2,65 m dürfte einem Laien ohne direkten Vergleich zu einem 8NGTw kaum auffallen. Die Front weist unter der großen Scheibe eine "Bügelfalte" auf. Der Bogen der Stirnfront zum Dach wird oberhalb der Scheibe unterbrochen durch die Linien- und Zielanzeige. Sie ist leicht nach vorn geneigt, um Spiegelungen zu vermeiden. Trotzdem ist die Anzeige sehr schwer zu erkennen. Da besteht dringender Nachbesserungsbedarf.

Sehr deutlich ist hier zu sehen, wie der Kasten für Linien- und Zielanzeige leicht nach vorn geneigt ist, um Spiegelungen zu vermeiden.

In der Zielanzeige steht "7 Bf. Wilhelmshöhe". Leider ist davon trotz geneigter Scheibe kaum etwas zu erkennen.

Hinter der Frontschürze, die elektrisch angehoben werden kann, befindet sich die zur Seite geklappte Scharfenberg-Kupplung. Das Kuppeln und Trennen von Zugverbänden soll nicht länger als 90 Sekunden dauern. Auf den Eisenbahnstrecken will man in der HVZ mit drei Triebwagen im Zugverband fahren. Der dritte Teil soll in Kasel Hbf abgetrennt werden, während die Doppeltraktion durch die Kasseler Innenstadt fahren soll. Hier gilt es aber wegen der Zuglänge von 75 Metern in der Fußgängerzone Königsstraße noch viel Überzeugungsarbeit bei Politikern und Bevölkerung zu leisten. Die gesamte Wagenfront besteht aus GFK und ist mit dem Wagenkasten verschraubt. Bei größeren Unfallschäden kann die Front leicht ausgetauscht werden, da die elektrischen Leitungen zwischen Fahrerstand und Wagenkasten durch Stecker verbunden sind. In Fahrtrichtung rechts gibt es eine Tür zur Fahrerkabine.

Hinter der Frontschürze, die elektrisch gehoben und gesenkt werden kann, befindet sich die abgewinkelte Scharfenberg-Kupplung.

Die Scharfenberg-Kupplung ist ausgefahren und kuppelbereit. Im Betrieb soll der Kuppelvorgang maximal 90 Sekunden dauern.

In den beiden Endteilen des Wagens sind auf jeder Seite jeweils zwei Türen, die den Zugang zu einem großen Mehrzweckbereich mit Platz für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder ermöglich. In diesem Bereich befinden sich auch ein Fahrscheinautomat und die Fahrscheinentwerter. An einer Seite gibt es hier drei Klappsitze. Hinter dem Fahrerstand, der durch eine Glaswand mit Tür vom Fahrgastraum abgetrennt ist, befinden sich im Hochflurbereich 16 Sitzplätze. Diese Anordnung ist möglich, da in den RegioTram-Triebwagen der Fahrer keinen Fahrscheine mehr verkaufen wird. Der mittlere Wagenteil, der keine Tür besitzt, bietet 52 mit dunkelgrünem Stoff bezogene, bequeme Sitze. Die Wände sind weiß gehalten, was dem vollklimatisierten Fahrgastraum mit seiner wirtschaftlichen Komfortausstattung ein angenehmes Ambiente verleiht.

Die Einstiegshöhe liegt bei maximal 360 mm über Schienenoberkante. Zur Überbrückung des Abstandes zwischen Fahrzeug und Bahnsteigkante kann ein Tritt ausgefahren werden. Für Rollstuhlfahrer kann eine Rampe vom Fahrer aufgelegt werden, die sich in einem Schrank neben der Tür befindet.

Im Türbereich gibt es einen großen Auffangraum, der auch als Standplatz für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder dient.

Die überwiegende Anzahl der Sitzplätze befindet sich im Mittelteil des Triebwagens. Hier gibt es keine Türen, damit Fahrgäste auf längeren Strecken einen beruhigten Bereich finden.

Soweit man sich bei den kurzen Fahrten auf dem 1,6 km langen Testgleis mit 80 km/h eine Urteil bilden kann, weist das Fahrzeug eine gute Laufruhe auf. Die maximale Beschleunigung liegt bei ca. 1,0 m/s2. Dieser Beschleunigungswert gilt auch für die Dieselvariante, die in den Endwagen je einen MAN 6-Zylinder Dieselmotor mit 375 kW Leistung erhalten wird.

Der Fahrerstand weist eine Vielzahl von Tastern auf. Schließlich müssen Funktionen nach BOStrab und EBO bedient werden.

Die Beschriftung der Taster ist erst provisorisch per Hand ausgeführt.

Die RegioTram-Triebwagen sollen von der KVG als Partner des RBK in der Werkstatt im Btf. Sandershäuser Straße gewartet und zum Teil dort nachts abgestellt werden. Der andere Teil der Fahrzeuge wird dezentral an den Endpunkten des Netzes in umzäunten Bereichen abgestellt werden. Ein Bau von Abstellhallen ist zur Zeit nicht möglich, da kein Einvernehmen mit den zuständigen DB AG-Bereichen darüber zu erreichen ist. Selbst bei kleineren Problemen gibt es mit dem großen Konzern Schwierigkeiten. Obwohl die Finanzierung durch den NVV gesichert ist, muss man mit dem "großen Bruder" um die Einrichtung einer Fahrertoilette am Endpunkt Melsungen Süd streiten.

Diese Wagenseite trägt nicht das NVV-Logo.

Tw 701 während des Fototermins am 07.07.2004 auf der ALSTOM-Teststrecke.

Der erste Eindruck vom Regio CITADIS für die RegioTram Nordhessen während der Präsentation war sehr positiv. Es bleibt zu wünschen, dass die Fahrzeuge die in sie gesetzten Erwartungen im Betrieb in Kassel und der Region erfüllen werden, damit sich die Investitionen von fast 80 Millionen Euro in die 28 Fahrzeuge auch wieder refinanzieren werden.

Gruppenfoto mit Regio CITADIS (v.l.n.r.): Dr. Dieter Klumpp, Geschäftsführer ALSTOM LHB GmbH, Klaus Bader, Bereichsleiter Technik und Fahrzeuge KVG, Veit Salzmann, Betriebsleiter KNE und Prokurist RBK, Heike Knauff-Oliver, Pressesprecherin NVV, Prof. Rainer Meyfahrt, Geschäftsführer RBK, Vorstand KVG, Klaus Hirche, Abteilungsleiter Technik und Fahrzeuge KVG.

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben:

© Dr. Heribert Menzel, Kassel

 

Fahrzeugdaten des Regio CITADIS für die RegioTram Nordhessen

Fahrzeugart

Zweisystem-Fahrzeug:

15 kV AC / 750 V DC, gemäß LNT-Richtlinie;

Hybrid-Fahrzeug:

diesel-elektrisch, 750 V DC

 

Stückzahl

18 / 10

 

Radsatzfolge (nach DIN 30 052)

Bo´2´2´Bo´

 

Spurweite

1.435

mm

Minimaler befahrbarer Bogenradius

22

m

Gesamtlänge über Puffer / Kupplungen

36.762 / 37.475

mm

Größte Breite

2.650

mm

Dachsattelhöhe über SO

3.650 / 3.800

mm

Radsatzstand im Drehgestell

1.900

mm

Drehzapfenabstand

Triebwagen

Mittelwagen

 

 8.050

12.290

 

mm

mm

Fußbodenhöhe (über SO)

Niederflurbereich

Hochflurbereich

 

420

660

 

mm

mm

Einstiegshöhe (über SO)

max. 360

mm

Seriengewicht

ca. 59,8 / 63,4

t

Gewicht des vollbesetzten Fahrzeugs ca. 82,5 / 85,2 t

Stromsystem

15 / 16.67

600 (750)

kV / Hz AC

V DC

Anzahl der elektrischen Fahrmotoren

4

 

Nennleistung nach UIC

600

kW

Antrieb (Tatzlager, Gummiringfeder)

vollabgefedert

 

Steuerung (Schützen-, Thyristorsteuerung, Chopper)

IGBT-Stromrichter

 

Größte zulässige Geschwindigkeit

100

km/h

Anfahrbeschleunigung

1,1

m/s2

Niederfluranteil

ca. 75

%

Fahrgasteinstiegstüren

4

 

Mehrzweckbereiche

2

 

Anzahl der Sitzplätze / Klappsitze

84 / 6

 

Anzahl der Stehplätze (4 Pers./m2)

139 / 127

 

Jahr der Indienststellung 2004 / 2005  
Quelle: ALSTOM LHB

Zwei frisch lackierte Wagenkastenteile für RegioTram-Tw 709 werden von der Schiebebühne auf die Taktstraße zum Innenausbau gezogen. Diese Seite wird später das Mittelteil angekuppelt.

Blick in den Wagenkasten für Tw 709.

Blick auf den Türbereich des Wagenkastens für Tw 709.

Der Wagenkasten für Tw 708 ist vorbereitet für die Verkabelungsarbeiten.

Tw 705 steht am Ende der Taktstraße. Sein Innenausbau ist fast vollendet.

Quellen: Pressemitteilungen ALSTOM LHB GmbH, Salzgitter

 

 

 

www.Tram-Kassel.de

Informationen über Straßenbahn und Omnibus in Kassel

Letzte Änderung: 13.04.2006

©: Dr. Heribert Menzel, Kassel