Eine historische Entscheidung fiel am 05. November 2007 im Stadtparlament Vellmar - der Bau der Straßenbahn-Neubaustrecke von Kassel, Holländische Straße nach Vellmar-Nord wurde beschlossen. Mit dem Bau kann nun begonnen werden. Damit wurde ein im Jahr 2001 eingeleiteter Planungsprozeß erfolgreich abschlossen.

Vor Beginn der Debatte hielt Bürgermeister Dirk Stochla vor der Stadtverordneten und ca. 50 Zuhörern, was ein Rekord für Vellmarer Stadtverordnetensitzungen bedeutete, ein überzeugendes Plädoyer für die Straßenbahn in Vellmar. Endlich ist für ihn der Tag der Entscheidung gekommen. Die Planung zog sich über viele Jahre hin. 2001 schloß Vellmar mit der KVV Bau- und Verkehrs-Consulting Kassel GmbH (KVC) und der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft AG (KVG) einen Vertrag über die Planung einer Straßenbahnstrecke von Kassel, Endstation Holländische Straße nach Vellmar-Nord. Die 6 Jahre Planung waren nach Bürgermeister Dirk Stochla auch notwendig, um eine gelungene Planung zu realisieren.

Allerdings gab es zu Beginn der Planungen viele Skeptiker zum Thema Straßenbahn in Vellmar. Zu diesen zählte sich auch Stochla. Nicht nur er erkannte allmählich die Vorteile einer Schienenanbindung. Vellmar ist eine Stadt mit höchster Wohnqualität. Für die Stadt stellt sich die Frage, wie zukünftige Neubürger die Standortfaktoren der Stadt Vellmar beurteilen. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Qualität des ÖPNV. In der Zukunft muß man vor allem für junge Familien attraktiv sein. Die braucht die Stadt, da man keine großen Gewerbebetriebe hat und somit die städtischen Einnahmen hauptsächlich aus dem Einkommensteuer-Aufkommen erfolgen.

Viele Bürger vertreten die Meinung, Vellmar brauche keine Straßenbahn, da das Bussystem gut und ausreichend sei. Bürgermeister Stochla befürchtet aber, daß der Busbetrieb in den nächsten Jahren durch die steigenden Ölpreise finanziell unattraktiv wird. Die Energiepreisentwicklung wird auch nicht die privaten Haushalten verschonen. Das zweite oder dritte Auto in der Familie wird dann schwieriger zu finanzieren sein. Auch die Diskussion über Feinstaub und Individualverkehr ist noch nicht zu Ende. Wird der IV dann mit sanfter Gewalt (City-Maut) ausgebremst? Wie kommen dann die Vellmarer Bürger, die zu 80 % in Kassel arbeiten oder zur Schule gehen, an ihre Arbeitsplätze und Schulen? Auch den demographischen Wandel der Gesellschaft dürfe man nicht außer Acht lassen. Den wahren Stellenwert des Straßenbahnprojektes werde man erst in 10 oder 15 Jahren erkennen können.

Großes Lob spendete Bürgermeister Dirk Stochla den KVC-Geschäftsführern Bruno Jerlitschka und Prof. Rainer Meyfahrt mit ihren Teams von KVC und KVG und dem NVV für die fruchtbare Diskussion während der Planung, durch die man zu einer sehr guten Lösung der Probleme bei Planung und Finanzierung gefunden hat.

Stochla hob die sachliche und gute Diskussion mit den Anwohnern an der neuen Straßenbahnstrecke hervor. Das zeige sich auch darin, daß es nur zwei Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluß gebe, die aber bestimmt noch abgearbeitet werden. Positiv zur Diskussion trug auch die breite Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Vellmar bei.

Die wichtigsten Entscheidungspunkte für Stochla sind

1. Das Baurecht: es steht. Die bestmögliche Lösung wurde unter Einbeziehung der Anwohner gefunden. Die Straßenbahn kann und soll nicht in der Stadt versteckt werden. Aber durch die hochwertige Planung wird sie das Stadtbild nicht verändern. Wo immer es geht, werden Rasentrassen angelegt. Auch die Haltestellen werden nicht geschottert sondern asphaltiert, damit sie besser sauber gehalten werden können.

2. Das Geld: Der Baukosten-Zuschuß der Stadt Vellmar zur Neubaustrecke wird maximal 4 Mio. Euro betragen. Das ist vertraglich festgeschrieben. Die Risiken bei höheren Baukosten, die derzeit mit 35 Mio. Euro beziffert werden, trägt die KVG. Das ist ein Erfolg und Planungssicherheit für die Stadt Vellmar. Stochla dankte KVC und KVG für diesen fairen Umgang. 

3. Die Finanzierung: sie ist gesichert. 3 Mio. Euro sind vom Land Hessen bereits als zinsloses Darlehen zugesagt. 1 Mio. Euro will man noch beantragen. Man hofft aber, sie nicht ausschöpfen zu müssen, da man sich durch den Grundstückverkauf für die Trasse an die KVG noch Einnahmen erhofft. Somit gibt man in den nächsten 20 Jahren jährlichen 200.000 Euro für die Straßenbahn aus - nach Ansicht von Stochla ein guter Preis für einen attraktiven Nahverkehr.

4. Attraktiver Nahverkehr: Welchen Vorteil haben die Vellmarer Bürger? Das ÖPNV-System wird sich durch das Zusammenspiel von Straßenbahn und Bus für ganz Vellmar verbessern. Der Zuschuß für den Busverkehr ändert sich dabei nicht.

Zum Abschluß seiner Rede wies Bürgermeister Dirk Stochla noch einmal darauf hin, daß er sich in dem sechsjährigen Planungsprozess "vom großen Kritiker zum Fan der Straßenbahn" gewandelt habe. Nicht nur er, sondern auch die meisten Bürger der Stadt Vellmar warten auf die Straßenbahn. Deshalb wünschte er sich eine breite Zustimmung des Stadtparlaments zur Straßenbahn.

Die Fraktionssprecher von Bündnis 90 / Die Grünen und der SPD sprachen sich auch für die Straßenbahn aus und hoben noch einmal ihre Vorteile hervor. Für die SPD sei dieser Tag ein Grund zum Feiern. Für den Fraktionssprecher der CDU gibt es Vor- und Nachteile bei der Straßenbahn. Die Fraktion stellte deshalb ihren Mitgliedern das Abstimmungsverhalten frei. Von den Fraktionen wurde besonders dem bei der Versammlung anwesenden KVC-Geschäftsführer Bruno Jerlitschka gedankt für seine fairen Verhandlungen und die gelungene Umsetzung der aus Vellmar vorgetragenen Planungswünsche!

Massive Kritik an der Straßenbahn kam von Frau Wagner, die die FDP im Stadtparlament vertritt. Nach ihrer Ansicht gibt es in Vellmar genügend kritische und ablehnende Stimmen gegen die Straßenbahn. Die FDP sei nicht gegen die Verlängerung der Straßenbahn von der Holländischen Straße in Kassel nach Vellmar. Schließlich bestehe der Wunsch nach dieser Verbindung schon "seit 100 Jahren". Die Henschelaner aus dem Umland hätten sich das schon gewünscht. Aber die Streckenverlängerung solle an der ehemaligen Ziegelei in Höhe Triftstraße in Niedervellmar enden. Das Areal des städtebaulichen Schandfleckes wäre groß genug für eine Wendeschleife mit Busbahnhof und P+R-Parkplätzen. Die FDP befürchtet durch die Führung der Straßenbahn durch Vellmar eine Zerstörung des Stadtbildes. Der innerörtliche Verkehr könne auch mit kleinen Elektrobussen umweltfreundlich durchgeführt werden. Allerdings befürwortet die FDP ausdrücklich eine Weiterführung der Straßenbahn auf dem Mittelstreifen der B7 bis zum Espenauer Ortsteil Schäferberg und weiter zum Flugplatz Kassel-Calden, der in den nächsten Jahren ausgebaut werden soll. Nach Ansicht der FDP sei das jetzige Angebot mit Bussen in Vellmar gut und ausreichend. Durch die Straßenbahn werde es Staus und Verkehrszusammenbrüche geben. Der Verkehrslärm werde wachsen. Die Feinstaubbelastung werde durch den Quarzsand, der beim Bremsen benutzt wird, steigen. Die FDP befürchtet durch die Straßenbahn-Neubaustrecke Einschränkungen und Einsparungen bei den Buslinien in Vellmar und massive Fahrpreiserhöhungen. Von dem P+R-Parkplatz an der geplanten Straßenbahn-Endstation Vellmar-Nord würden nur die Einwohner von Espenau, Immenhausen und anderen Orten des Umlandes kostenlos profitieren, während Vellmar dafür bezahlen müsse. Die Straßenbahn bringe auch keine zusätzliche Kaufkraft in die Vellmarer Geschäfte. Somit sei das Kosten-Nutzen-Verhältnis für Vellmar nicht ausgewogen. Deshalb bleibt für die FDP nur die Zustimmung für die Neubaustrecke bis Niedervellmar. Ein entsprechender Antrag wurde bei nur einer Ja-Stimme der FDP abgelehnt.

Nach den Redebeiträgen der Fraktionen kam es dann zur Abstimmung per Handzeichen. Es gab 30 Ja-Stimmen aus den Fraktionen von SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und CDU sowie 4 Nein-Stimmen aus der CDU und 1 Nein-Stimme der FDP. Enthaltungen gab es keine. Damit war um 21.48 Uhr die Entscheidung gefallen:

Die Stadt Vellmar bekommt den Straßenbahnanschluß an Kassel!

Die Bauarbeiten für die Neubaustrecke werden voraussichtlich im Frühjahr 2008 an der Endstation Holländische Straße in Kassel beginnen. Zuvor müssen dort noch umfangreiche Kanalarbeiten durchgeführt werden. Wenn alles glatt läuft, könnte Ende 2009 die erste Straßenbahn nach Vellmar rollen.

 

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Informationen über RegioTram, Straßenbahn und Omnibus in Kassel

Letzte Änderung: 06.11.2007

©: Dr. Heribert Menzel, Kassel